OpenGov und OpenData in Darmstadt – Teil 1 – Motivation

Manchmal braucht man eine Deadline um den Hintern hochzubekommen: Obwohl mich das Thema Open Government / Open Data schon lange interessiert hat, bin ich in dem Bereich nicht wirklich aktiv geworden. Als jemand, der sich beruflich viel mit Datenanalyse auseinandersetzt (heutzutage ist der Begriff „Data scientist“ dafür hip geworden), finde ich die OpenGov-Bewegung, die Ihre Wurzeln in den USA und UK hat, ein sehr spannendes Phänomen. Nach meiner Anmeldung zum BarCamp Darmstadt 2010, das dieses Wochenende stattfinden wird, war die Zeit reif, mit dem Thema auf Tuchfühlung zu gehen. Ich postete einen kurzen Sessionvorschlag zum Thema „Open Goverment in Darmstadt“ und begann mit meiner Recherche. Ob die Session wirklich stattfindet, kann ich auf Grund der Natur der BarCamps noch nicht sagen (das Programm wird von den Teilnehmer vor Ort zusammengestellt). Von den online abgegeben Bewertungen her zu schätzen, scheint es allerdings genug Interessenten zu geben.

Aber erst einmal einen Schritt zurück. Was ist Open Government (auch OpenGov – mit oder ohne Leerzeichen) und Open Data? Es geht darum öffentliche Daten wie Ausgaben, Bevölkerungszahlen, aber auch Sitzungsprotokolle der breiten Öffentlichkeit mit möglichst geringen Barrieren zugänglich machen. Es soll mehr Transparenz und Interaktion zwischen Bürger, Regierenden und Verwaltung geschaffen werden. Das Web bietet dazu ein hervorragendes Medium. Es muss dabei nicht immer in fertigen Services oder Produkten gedacht werden. Wichtiger ist das Bereitstellen von Schnittstellen und Daten auf Basis von offenen Standards und Lizenzen wie auch machienenlesbaren Formaten. So geschaffene offene Plattformen bieten Interessierten die Möglichkeit, eigene Applikationen und Lösungen für sich und andere zu generieren. Die erhöhte Transparenz soll Vertrauen an und Interesse in die Politik und Verwaltung fördern wie auch Informations- und Machtgradieten reduzieren. Das zweite Anliegen ist die Erhöhung von politischer Partizipation und Mitbestimmung der Bürger. Auch hier können neue Technologien Barrieren abbauen und somit den Einstieg erleichtern. Beispiele wären das öffentliche Einsenden von Vorschlägen und die Online-Diskussion von Beschlüssen.

Ich denke neben Schaffung von Transparenz und Begünstigung von Partizipation, kann OpenGov aber noch weiter ausgelegt und ausgebaut werden. Mir schweben die Stichworte „Simulation“ und „Modell-basiertes Entscheiden“ vor. Was meine ich damit? Es scheint, dass Entscheidungen zu häufig relativ kurzsichtig und aus Interessen weniger gefällt werden. Das Gesamtsystems mit allen Facetten wird zu selten betrachtet und wenn nicht quantitativ. Schön wäre es, wenn ein mathematisches Gesamtmodell (e.g. einer Stadt) erstellt und transparent diskutiert werden würde. Diese Modell müsste ständig verbessert und mit Daten unterlegt werden. Es könnte dann in Entscheidungsprozessen genutzt werden um Folgen und Implikationen einzelner Entscheidungen auf das Gesamtsystem abzuschätzen. Meines Wissens werden solche Simulationen momentan nur für Teilbereiche (e.g. Bevölkerungzahl) genutzt. Das mag einerseits daran liegen, das viele Parlamentarier keine naturwissenschaftlich-mathematische Ausbildung haben (e.g. im deutschen Bundestag sind hauptsächlich Juristen anzutreffen) und sich somit dieser Art von Problemlösung nicht bewusst sind. Zudem handelt es sich schon bei einer Stadt um ein sehr komplexes System und eine Quantifizierung und Simulation ist nicht trivial. Dennoch sollte man den Versuch wagen. Wahrscheinlich wird schon viel Forschung in dem Bereich betrieben, aber hat noch keinen Einzug in die tatsächliche Politik gefunden. In Anlehnung zur System-Biologie fiel mir hier der Begriff „System-Politik“ ein. Sollte es einen etablierten Begriff geben, würde ich mich über Hinweise freuen. Dies gilt für die ganze Thematik: Ich bin ein hobbymäßiger Quereinsteiger, der über sich Kritik und Feedback zu kleinen Fehler und groben Schnitzer seinerseits freut.

In den folgenden Einträgen werde ich die Ergebnisse meiner Recherche zum Status von OpenGov und OpenData auf Städteebene am Beispiel von Darmstadt dokumentieren. Dies wird in den nächsten Tagen stattfinden und soll als Grundlage für die Diskussion auf dem oben genannten BarCamp dienen, deren Ergebnisse ich hier ebenfalls festhalten möchte. Wer sich darüber hinaus in die Themen Open Goverment und Open Data einlesen möchte sei auf das Open Data Network und den deutschen Zweig der Open Knowledge Foundation verwiesen. Auch der Katalog „Ten Principles for Opening Up Government Information“ der Sunlight-Foundation ist lesenswert.